Lektoren.blog, Kriterien der Wissenschaftlichkeit, Teil 1, Ehrlichkeit, Objektivität, Überprüfbarkeit

Wissenschaftliche Bewertungskriterien Teil 1 – Kriterien der Wissenschaftlichkeit: Was heißt hier »wissenschaftlich«?

Beim wissenschaftlichen Schreiben geht es ganz und gar nicht darum, besonders gestelzt und hochgestochen zu formulieren. Worum denn dann? Diese Frage wird in dieser Artikelserie beantwortet. Die Kenntnis der allgemeinen Kriterien der Wissenschaftlichkeit führt zu einem vertieften Verständnis und einer einfachen Umsetzbarkeit der Kriterien, nach denen deine Abschlussarbeit bewertet wird – und dadurch zu besseren Noten.

Wissenschaftliche Fachartikel und Dissertationsschriften, aber auch Masterarbeiten, Bachelorarbeiten und andere akademische Abschlussarbeiten werden nach wissenschaftlichen Qualitätskriterien beurteilt.

Darüber hinaus gelten noch spezifische Bewertungskriterien und Richtlinien für die Gestaltung einer akademischen Abschlussarbeit, auf die wir in anderen Beiträgen noch genau und anschaulich eingehen werden.

Um zunächst ein grundlegendes Verständnis der Wissenschaftlichkeit zu vermitteln und diesen Begriff zu fundieren, stellen wir uns der Frage: Was heißt hier überhaupt »wissenschaftlich«?

Reduzieren wir 2000 Jahre Wissenschaftstheorie auf einen einzigen Satz:

Wissenschaft ist die methodische Erkundung der Realität in Natur und Kultur, Geist und Technologie, um durch Versuch und Irrtum zu systematisch gesicherten Erkenntnissen und falsifizierbaren Theorien zu gelangen.

Dieses systematische und methodische Vorgehen ist das, was die Wissenschaft ausmacht. Dabei müssen wissenschaftliche Theorien widerlegbar (falsifizierbar) sein. Doch neben der Forderung nach Falsifizierbarkeit müssen wissenschaftliche Theorien weiteren Qualitätskriterien entsprechen.

Für Verunsicherung sorgt die Tatsache, dass weder die allgemeinen Kriterien der Wissenschaftlichkeit noch die spezifischen Bewertungskriterien für Abschlussarbeiten von einer zentralen Stelle vollständig, einheitlich und verbindlich festgelegt werden.

Mit ihren Hinweisen, Empfehlungen und Vorschlägen für Wissenschaftler und Hochschulverantwortliche tragen einige Institutionen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis bei.

Für Deutschland sind insbesondere die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft e. V.) und der DHV (Deutscher Hochschulverband) zu nennen.

Der DHV fordert, dass Wissenschaftsethik für alle Studierenden zum Pflichtfach gemacht wird, was ich persönlich nur begrüßen kann. Neben den Qualitätskriterien für gutes wissenschaftliches Arbeiten gehören hierzu moralische Grundsätze, die alle Wissenschaftler und Studierende einhalten müssen.

Während manche Fakultäten lieblos zusammengestellte Pamphlete mit teilweise widersinnigen Vorschriften herausgeben, zu deren Einhaltung die Studierenden angehalten sind, belegen wiederum andere Richtlinien für schriftliche Arbeiten, dass sich viele Hochschulen intensiv mit dieser Thematik auseinandersetzen.

Du hast noch nie etwas von wissenschaftlichen Bewertungskriterien gehört?

Damit bist du leider kein Einzelfall. Insbesondere vielen Bachelor-Studenten ist die Existenz der für sie geltenden »Richtlinien für schriftliche Arbeiten« unbekannt, zumal einige Fakultäten sich noch immer nicht die Mühe gemacht haben, diese schriftlich festzuhalten.

Wir haben eine Aufgabe für dich: Geh auf die Website deiner Fakultät, lade dir die Richtlinien herunter und lies sie dir durch.

Verlangt wird die Einhaltung der Bewertungskriterien in jedem Fall, ob sie nun studentenfreundlich aufbereitet und explizit vermittelt werden oder nicht.

Wie soll man wissenschaftlich arbeiten, wenn man keinen blassen Schimmer hat, was Wissenschaftlichkeit ausmacht?

An vielen Fachhochschulen und Universitäten werden Kurse zum wissenschaftlichen Arbeiten angeboten, in denen vermittelt wird, wie man sinnvoll wissenschaftlich arbeitet.

Das ist viel mehr als »Zitieren ist wichtig« und »eine Abschlussarbeit besteht aus Einleitung, Hauptteil und Schluss«. Leider gehen viele dieser Veranstaltungen (u. a. aus Zeitgründen) nicht darüber hinaus.

Vielmehr wird von dir erwartet, dass du dich aus eigener Initiative aktiv informierst. Diese Erwartungen an eine selbstständige Arbeitsweise sind für viele Studienanfänger eine Herausforderung.

Doch seien wir mal ehrlich: Wohl kaum ein Student wird sich freiwillig tiefgehend damit beschäftigen, welche Qualitätskriterien die Ethikräte und Ombudsmänner für Wissenschaft ausgearbeitet haben.

Hier kommt dein Lektoren.blog ins Spiel: Mit dieser Beitragsserie möchten wir ein grundlegendes Verständnis davon vermitteln, was »wissenschaftlich« und »unwissenschaftlich« bedeuten. Hierzu stellen wir dir die Kriterien der Wissenschaftlichkeit vor.

Das Schöne an den Kriterien der Wissenschaftlichkeit ist, dass sie überall und immer gültig sind. Einmal gelernt, ermöglichen und vereinfachen sie dir das Überleben in der Welt der Wissenschaft.

Die übersichtliche und klare Aufstellung der Grundprinzipien der Wissenschaftlichkeit von Helmut Balzert, Marion Schröder und Christian Schäfer in ihrem 2011 erschienenen Buch zum wissenschaftlichen Arbeiten gefällt mir unter den mir bekannten Aufstellungen am besten.

Lektoren.blog, Kriterien der Wissenschaftlichkeit, Teil 1, Ehrlichkeit, Objektivität, Überprüfbarkeit, Reliabilität, Validität, Verständlichkeit, Relevanz, Logik, Originalität, Nachvollziehbarkeit, Fairness, Verantwortung
Kriterien der Wissenschaftlichkeit nach Balzert, Schröder und Schäfer (2011)

Die Autoren listen 12 Kriterien auf, die ich unter einem einfachen (und daher nicht ganz vollständigen) Gebot zusammenfassen möchte:

 Du sollst selbstständig etwas Neues zur Wissenschaft beitragen, indem du kritisch erwägst, methodisch vorgehst, eigenständig argumentierst und deine Ausführungen nachvollziehbar belegst. 


Du wirst sehen, dass sich die einzelnen Kriterien nicht nur überschneiden, sondern zu einem Gesamtbild ergänzen. Sie bilden
das Fundament und den Kern der Wissenschaft.

Legen wir los mit den drei wichtigsten Kriterien der Wissenschaftlichkeit!

Kriterium der Wissenschaftlichkeit 1: Ehrlichkeit und Redlichkeit – Sei dir selbst und deinen Lesern gegenüber ehrlich

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Nicht alles im Wissenschaftssystem und nicht alle Wissenschaftler sind immer ehrlich, aber für die Wissenschaft als solche ist die Forderung nach Redlichkeit und Ehrlichkeit von essenzieller Bedeutung.

Karten auf den Tisch!

  • Hast du deine Statistik beschönigt und deine Diagramme verzerrt, um deine Ergebnisse deiner Hypothese anzupassen?
  • Versuchst du, den Leser mit hübschen Grafiken zu blenden?
  • Stellst du deine Fragen sachlich und kritisch? Oder übernimmst du die Position eines Unternehmens oder einer Person, womöglich sogar ohne Quellenangabe?
  • Fühlst du dich besonders gerissen, weil du fremde Ideen gut paraphrasiert hast, ohne deine Quelle anzugeben?

All das wäre nicht ehrlich und redlich.

Wie du für Ehrlichkeit sorgst

Ehrlich arbeitest du dann, wenn du alle übernommenen Ideen als solche kennzeichnest, neutral und sachlich argumentierst, alles (deine Quellen, deine Daten, deine Methoden und deine Aussagen) kritisch überprüfst und in der sprachlichen und grafischen Darstellung bei den Fakten bleibst.

 Glaubwürdig in der Wissenschaft bist du, wenn du deine Daten nicht manipulierst, nicht plagiierst und schon gar nicht ghostwriten lässt und wenn du deine Ergebnisse nicht verzerrst, sondern diese neutral und ausgewogen darlegst. 


Schließlich sollen andere Wissenschaftler auf deine Ergebnisse bauen können.

Die Wissenschaft hat die Menschheit dadurch voranbringen können, dass sie mit systematischer Methodik ihre Erkenntnisse ständig kritisch überprüft. Damit soll nur (vorläufig) gesichertes Wissen weitergegeben werden.

Ist dir die Tragweite für alle Lebensbereiche bewusst, wenn mehr und mehr Menschen diesen Prozess sabotieren?

Wissenschaftler sind der Wahrheit verpflichtet, d. h. gesicherten Erkenntnissen. Bleibe deshalb stets ehrlich und transparent, bewahre kritische Distanz und lege im Zweifelsfall eigene Fehlschläge und Interessenkonflikte klar dar.

Kriterium der Wissenschaftlichkeit 2: Objektivität und Selbstkontrolle – Halte dich zurück

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Auch wenn du privat das postfaktische Zeitalter feiern solltest: In der Wissenschaft geht es nur um Fakten.

 Deine Einstellungen und Gefühle, Präferenzen und Ressentiments interessieren nur, sofern sie Gegenstand wissenschaftlicher Forschung werden. Übe dich in Zurückhaltung: Deine politischen oder religiösen Ansichten und dein Weltbild solltest du aus deiner wissenschaftlichen Arbeit ausklammern. 

Das Gebot der Objektivität müssen Streber und Faulpelze in gleichem Maße beachten. Deine Darstellung sollte weder von ehrgeiziger Verbissenheit noch von Fahrlässigkeit gegenüber dem eigenen (zwangsläufig) eingeschränkten Horizont geprägt sein.

Bestätigungsfehler können jedem von uns unterlaufen, weil wir dazu neigen, Informationen derart wahrzunehmen, auszuwählen und zu interpretieren, dass sie unseren Erwartungen entsprechen.

Deine Leser sollen anhand einer neutralen Darstellung zu einem eigenen Urteil gelangen können. Beherrsche dich daher im Bewusstsein, dass deine Perspektive eingeschränkt ist und deine Überzeugungen deine Wissenschaftlichkeit gefährden könnten.

Deine persönlichen Bewertungen darfst du allerdings an geeigneter Stelle (z. B. im Diskussionsteil deiner Arbeit) unterbringen, sofern du diese klar als solche kenntlich machst und dich nicht in spekulativen Ausschweifungen ergehst.

Übrigens sind deine Prüfer bei der Bewertung deiner Abschlussarbeit genauso zur Objektivität verpflichtet. Die Regeln gelten für alle, die in der Wissenschaft tätig sind.

In beiden Fällen kommt man der idealistischen Forderung nach Objektivität und Neutralität nach, indem man sich um die praktische Einhaltung dieses Kriteriums bemüht.

Wie du objektiv bleibst

Objektiv bist du dann, wenn deine Ergebnisse

  • intersubjektiv nachvollziehbar,
  • reproduzierbar und
  • unabhängig überprüfbar sind.

Das bedeutet, dass du deine Ergebnisse derart schriftlich darlegst, dass andere Personen nachvollziehen können, wie du darauf gekommen bist. Mit den von dir beschriebenen Methoden müssen Dritte zu den selben Schlüssen gelangen können. Deine Ergebnisse müssen einer unabhängigen Überprüfung standhalten.

Am besten vermeidest du jeden Verdacht, indem du korrekt arbeitest. Von der Quellenarbeit und Datenauswahl über die Methodik und Auswertung bis hin zur Darstellung ist Sorgfalt die Mutter der Objektivität.

Kriterium der Wissenschaftlichkeit 3: Überprüfbarkeit – Schaffe solides Wissen

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Wissen schafft die Wissenschaft, indem sie Erkenntnisse über die Realität zusammenträgt und falsifizierbare Theorien und Modelle entwickelt, die vorläufig verifiziert (bestätigt) und somit gesichert werden.

Diesen Prozess der stetigen Korrektur, Verbesserung und Erweiterung des Wissens durch unabhängige Überprüfung müssen wissenschaftliche Beschreibungen und Theorien zulassen.

Begriffliche, theoretische und methodische Grundlagen müssen daher verständlich und nachvollziehbar dargelegt, Annahmen und Argumente explizit begründet und mit Quellen belegt werden.

Alles von den Quellen und Materialien über die Experimente, Rechenwege und Zwischenergebnisse bis hin zu den logischen Schlussfolgerungen und Interpretationen muss überprüfbar, kritisierbar, reproduzierbar, widerspruchsfrei und prinzipiell widerlegbar (falsifizierbar) sein.

Im Klartext: Alles, was du in deiner wissenschaftlichen Arbeit feststellst, kann und darf angezweifelt werden.

Vorläufig gesichertes Wissen wird demnach durch die harte und sorgfältige Überprüfung von Aussagen und Theorien in der Realität hergestellt.

Ungewöhnliche und starke Behauptungen erfordern dabei besonders überzeugende Beweise, Begründungen und Belege.

Die kritische Würdigung der eigenen Ergebnisse im Fazit deiner Abschlussarbeit zeigt noch einmal deutlich, dass du Distanz zum eigenen Werk bewahrst und dieses aus anderen Blickwinkeln hinterfragst.

Genauso müssen deine wissenschaftlichen Aussagen in einem abschließenden Kolloquium (Disputation oder Verteidigung) den Zweifeln und der Kritik der Gutachter standhalten.

In Deutschland und insbesondere unter den jüngeren Jahrgängen hat sich leider eine falsche Fehlerkultur verbreitet. Fehler sind jedoch absolut notwendig – sowohl generell im Leben als auch für den wissenschaftlichen Fortschritt. Denn aus Fehlern lernt man.

Wie du das Kriterium der Überprüfbarkeit erfüllst

 Überprüfbar arbeitest du dann, wenn deine Hypothesen und Aussagen verifizierbar und falsifizierbar sind, d. h. sich grundsätzlich bestätigen oder ablehnen lassen, wenn die Vorgehensweise begründet, die eingesetzten Materialien und Methoden beschrieben und deine Quellen, Rechenwege und Zwischenergebnisse nachvollziehbar dargelegt sind. 


Die Forderung nach Überprüfbarkeit überschneidet sich also mit dem Kriterium Nachvollziehbarkeit, während Objektivität als Gütekriterium wissenschaftlicher Messungen üblicherweise zusammen mit Reliabilität und Validität aufgeführt wird. Objektivität muss dabei wiederum durch Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit hergestellt werden. 

In der nächsten Folge unserer Artikelserie zu den Kriterien der Wissenschaftlichkeit erfährst du mehr über Reliabilität und Validität.

Findest du diese ersten drei Kriterien nachvollziehbar? Wo siehst du die Herausforderungen bei der Einhaltung dieser Kriterien der Wissenschaftlichkeit?

Lektoren.blog, Wissenschaft, Signatur, Otter, Lisa Schulz, Florian Fani


Buch-Empfehlung:

Balzert, Helmut / Schröder, Marion / Schäfer, Christian (2011): Wissenschaftliches Arbeiten – Ethik, Inhalt & Form wiss. Arbeiten, Handwerkszeug, Quellen, Projektmanagement, Präsentation. W3L GmbH.

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Florian Fani, Profil, Lektor

Lektor und Coach mit Herzblut und Liebe zum Detail. Mein Faible: ambitionierte Wissenschaft, sprachlich elegant verpackt. Abseits des Schreibtischs mitunter Flamenco-Gitarrist.

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